Tage wie dieser

Es gibt diese verdammt perfekten Tage.

Die Tage, an denen der Kaffee noch heiß ist, wenn ich mich an den Küchentisch setze; an denen die Augen der Maus leuchten, wenn sie mir berichtet, dass sie sich auf den Einrad-Kurs freut; an denen der Mäuserich morgens  noch ein wenig plaudern möchte und mich nachmittags anlacht, weil der Tag in der Kita super war; an denen die Minimaus in ihrem Hochstuhl glucksend an einer Reiswaffel knabbert, zufrieden Diai anmerkt oder munter kreischend ein Quetschie traktiert.

Das sind auch die Tage, an denen die To-do-Liste abgearbeitet ist, die Blutwerte des Mäusepapas zufriedenstellend sind und ich mich in meiner Jeans und der neuen Bluse gut leiden kann. An diesen Tagen landet dann garantiert auch eine Postkarten im Briefkasten, weil jemand im Urlaub ist und an uns denkt. Unsere mürrische Nachbarin hat auch jetzt kein Lächeln für uns übrig, weil wir beim Ankommen im Hausflur laut sind. Das sind wir immer. Der Unterschied ist aber, heute ist es mir egal. Doch dieses Mal  höre ich von der Minimaus ein sanftes Hai und Da und sie zieht meine Hand zu den Treppenstufen und will ihre Schuhe wie die Großen vor der Tür ausziehen. Dieses Mal reicht ihr der Mäuserich auch den Tetty und hilft mir, den gagga (Buggy) zum nächsten Treppenabsatz hinauf zu tragen. 8 Stufen, die er schon schafft, weil er soo stark ist.

Und die Oma bringt uns einen Topf Osterglocken für den Küchentisch mit, die meine Kinder gießen wollen. Alle auf einmal.

Heute kann ich Gedanken lesen und weiß, dass ich gleich gefragt werde, wo der Tigi ist und ob ich an die neuen Bügel-Perlen gedacht habe. Heute weiß ich ohne nachzudenken wo das Piratenfernrohr liegt und wer den goldenen Malstift als letzter hatte.

Das sind diese „Alles-stimmt-Tage“. Dabei passiert an ihnen gar nichts besonderes, was diese Beschreibung verdient hätte: Ich bin im Büro, ich bin in der S-Bahn, ich bin in der Schule der Maus und dann bin ich wieder zu Hause. Die Oma trifft mit Mäuserich und Minimaus zeitgleich bei uns ein und ich höre vom Mäuserich sofort ein Mama, weißt Du? und von der Maus ein Mamaaaaa mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich. Als wollte sie der Oma sagen,  jetzt ist die Mama da, jetzt ist alles gut.

An diesen Tagen sind die Bilder von Monstern und Pferden zum Zeigen und Bewundern da. Labyrinthe haben eine Ausgang und die Zahlenrätsel ergeben einen Sinn.

Die Minimaus stapelt Moosgummitiere auf einen Stuhl und hat ein Netz darunter gespannt. Ich staune darüber. Wir alle staunen darüber und ich versuche ein Foto zu machen, von dem stolzen Blick, mit dem die Minimaus auf unser Staunen reagiert. Aber die Bilder zeigen nie das, was ich sehe. Den Stolz, den auch der Mäuserich in diesem Moment für die Minimaus empfindet, den liebevollen Blick den die Maus für sie hat, ihr Zugeneigtsein, ihre Vertrautheit, ihre Spiele. Minimaus guck mal, ich bin ein Hund. Minimaus sag mal wuff. Und Minimaus antwortet huhu in der Überzeugung sie habe es ganz richtig gesagt. Sie glucksen alle drei und legen ihre Köpfe aneinander und halten sich an den Händen. Nur ein paar Sekunden und dann gehen die Fragen weiter. Minimaus willst Du einen Happen von meinem Brot. Nein komm zu mir, ich habe Müsli. Magst Du? Und Minimaus läuft um den Tisch herum, öffnet ihren Mund wie ein Vögelchen und lässt sich füttern. Und die Maus und der Mäuserich werden ein ganzes Stück größer, weil sie für die Minimaus so wichtig sind.

Und ich mache noch ein Foto und treffe den Augenblick wieder nicht. Aber in meinem Herzen ist er angekommen.

An solchen Tagen ist da auch diese Ruhe in mir; die Zeit, die ich auf einmal für alles habe und die meinen Kindern gehört. Ganz und gar und ohne das, was ich eigentlich noch tun müsste.

An solchen Tagen ist das Familienleben ganz leicht. Wir sind eine kleine Herde und ich bin dankbar für das, was das Leben aus uns gemacht hat. Einfach so, und auch wieder nicht einfach so.

An solchen Tagen habe ich wenig später noch die Maus in einem Arm, während sich der Mäuserich in den anderen schiebt und wir müssen über die Minimaus schmunzeln, die auch noch irgendwo dazwischen will. Und wir schaffen das dann auch. Links die Maus, rechts der Mäuserich und in der Mitte die Minimaus. Ich habe die zarten Haare der Minimaus im Gesicht, diesen weichen Flaum, über den jetzt auch die Maus streichelt. Ich atme Feenshampoo, Kinderwärme und Liebe ein. Grinsend drücken wir uns aneinander und freuen uns, dass es passt.

Drei Kinder sind perfekt. 

Der Mäusepapa gießt sich derweil einen Kaffee durch den Keramikfilter und murrt, sein Platz sei ganz leer. Nur er auf diesem großen Stuhl. Der Mäuserich erbarmt sich und klettert zum Papa auf den Schoß. Aber nur kuscheln, kein Küsschen! Und dann bekommt der Papa doch einen Schmatz. Ausnahmsweise.

Und ich kann meinem Mann dabei zusehen, wie viel Vatersein da in ihm ist.

Daraus werden dann meistens auch die Tage, an denen ich den Mäusepapa ansehe und er zurück lächelt. In diesen Momenten denken wir das gleiche und wir beginnen für unser Kinder zu schwärmen: ihre Augen, ihre Klugheit, ihre Güte, ihr Frohsinn, ihr Lachen, ihre Art sich zu mögen. Die Worte, mit denen die Maus den Mäuserich beruhigen kann; die kleinen Hände, die andere noch kleinere Hände umfangen; die langen Beine, die neben den knubbeligen kurzen stehen; die aufgeschürften Knie, die durch die Löcher der Hose lugen und auf die ganz oben drauf ein Pflaster gedrückt wird; die Stupsnase, auf die gezeigt wird Nase; die Ohren – Oar– die zu berühren beim Einschlafen hilft. Die Kinderlieder, das Einmaleins, das zu fünft sein. Es ist schön bei uns und unsere Familie ist wunderbar. Und wir gucken und sehen unsere Kinder und alles, was in diesem Leben noch aus uns werden kann.  Ach Mensch, denke ich und muss ein bisschen schlucken.

Gestern war so ein Tag. Gestern waren die Wolken weniger grau und das Gefühl im Bauch warm.

Aber so ein Tag wird es heute nicht.

Heute ist einer der Tage, an denen es mir vorkommt als sei ich aus meinem alten Leben in dieses hier gefallen. Und ich bin ganz allein darin.  Nichts passt zusammen. Drei Kinder passen nicht zu mir.

Da ist dann auch kein Platz auf meinem Schoß, weil sich alle drei Kinder drängeln, weil der Mäuserich schreit, die Maus schimpft und die Minimaus  mir zeigt, dass sie inzwischen weiß, wie man sich mit Kneifen durchsetzt. Heute ist der Lieblingspullover der Maus in der Wäsche, das Brötchen für den Mäuserich zu langweilig, das Müsli zu weich, die Cornflakespackung leer. Heute ist die Hose dumm, die Kita wird ganz sicher doof und die Schuhe drücken so furchtbar am Knöchel. Anna aus der Parallelklasse hat etwas gemeines gesagt und der Fred aus der Kita hat dolle geschubst. Mein Kaffee steht auf dem Tisch und wird kalt, während ich verständnisvoll dreinschaue, tröste und passende Worte suche. Nebenbei suche ich auch saubere Schuhe und frisches Brot und höre mir Gemurre über doofe Schwestern, zu kleine Socken und überhaupt wirklich wirklich ganz blöde Kita-Tage an.

Heute bin ich müde. So müde, dass meine Bewegungen langsamer sind und mein Kopf nur dem Naheliegendsten folgen kann. Deshalb verstehe ich heute so gar nichts von wütend machenden Hosenbeinen und Schrumpfdecken; von zu strengen Blicken und misslungenen Zeichnungen mit Pferden und Dinos; von Wuttränen, die raus müssen, und von all den unausgesprochenen Fragen, die ich doch hören müsste.

Die Minimaus hat jetzt genau die richtige Größe, um sich an der Tischkante zu stoßen. Das tut sie nun auch und weint herzzerreißend. Ich tröste und höre den Mäuserich nicht, der auch etwas sagen will. Die Maus wiederholt alles zum fünften Mal. Der Mäuserich ist enttäuscht und knallt die Tür.

Heute kann ich nicht Gedanken lesen und heute ist mir, als gehörte all das nicht zu mir. Heute will ich mal weg sein und heute passen meine Arme nicht um all diese Kinder.

Und plötzlich habe ich Angst und mache mir Sorgen. Was ist, wenn ich sie nie wirklich verstehe? Wenn dieses Pausenlosigkeit mich ungerecht macht? Wenn meine Arme nie wirklich genügen?

Ich stehe zwischen Bügelperlen, dreckigen Schuhen und Papierfetzen auf dem Boden und müsste aufräumen, aber ich kann mich nicht danach bücken, denn gerade kuschelt sich die Minimaus an meine Schulter. Ich drücke meine Wange an ihre warmen Pausbäckchen  und möchte weinen. Nur ein bisschen, weil ich so müde bin und weil alles so chaotisch ist. Außen und innen. Und plötzlich sagt sie ihren allerersten Zweiwortsatz Papa tüs. Und ich denke, Recht hat sie. Der Papa ist ja auch noch da.

Und dann denke ich an die „Alles-stimmt-Tage“ und daran, dass es sie gibt; dass das hier auch wir sind und dass drei Kinder vielleicht nicht immer auf meinen Schoß passen, aber immer in mein Herz.

2 Kommentare zu „Tage wie dieser

  1. Schöner Beitrag!
    Wir Mamas kennen nur allzu gut dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein…
    Schön beschreibst du diese winzigen Momente, die unverhofft kommen und die wir festhalten sollten, in unseren Erinnerungen.
    Vergessen sollten wir bei all dem, was wir zu geben haben, uns selbst nicht. Denn auch wir hinterlassen ganz viele Momente in den Erinnerungen unserer Kinder. Und an diese werden sie sich irgendwann dankbar erinnern 😉

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