Kleine Schritte, große Wirkung oder Eltern sind Schildkröten…

Ich lese manchmal die Klappentexte von Lebenshilfebüchern und oft erzählt mir meine „kleine“ Schwester von Ratgebern, die mein Leben verändern sollen. Ab und zu landet eines dieser Bücher dann auch bei mir zu Hause. Und bleibt ungelesen. Was sicher oft bedauerlich ist. Im Moment höre und lese ich viel von kleinen Schritten, von Mikroschritten, von ganz kleinen Dingen, die grundlegende Veränderungen auslösen können. Schließlich ist bald Neujahr. Der beste Zeitpunkt, um sich darüber Gedanken zu machen, ob und was ich in meinem Leben verändern will. Das habe ich kürzlich ja auch schon getan.

Wenn ich nun also die Klappentexte und Zeitungsartikel über die sogenannten  Mikroschritte lese, wundere ich mich überhaupt nicht, dass das funktioniert. Diese Methode ist mir vertraut. Ich kann die Bücher und Zeitungsartikel dieses Mal ohne schlechtes Gewissen bei Seite legen, denn damit kenne ich mich aus. Ich habe schon mehrfach etwas Großes in Minischritten erreicht:

Zuerst einmal war da mein Studium. Jahrelang. Einschließlich Referendariat, zwei Staatsexamina und Berufseinstieg. Alles kleine Schritte zum Wunschberuf.

Und später meine Kinder. Zugegeben, das war weniger planvoll. Aber es ist ja trotzdem ein weiter Weg von einem bis zum dritten Kind. Immer dauert es lange mit dem Schwangersein, dem Wochenbett, dem ersten Babyjahr, der Kitaeingewöhnung, dem Wiedereinstieg in den Beruf und allem, was zum Elternsein dazu gehört.

Und dann war da noch meine Promotion. Neben dem Beruf und mit einem Kind (später auch mit zwei Kindern bis in die Schwangerschaft mit dem dritten Kind hinein), inmitten von Umzügen, beruflichen Veränderungen und während unserer Familienplanung. Mitten in der Rushhour meines Lebens habe ich meine Dissertation geschrieben. In ganz kleinen Häppchen, jeweils ein paar Stunden pro Woche. Manchmal ergab das nur eine halbe Seite, manchmal kopierte ich am Samstagnachmittag nur ein paar Literaturquellen in der Bibliothek und manchmal fand ich auch nur abends ein oder zwei Stunden dafür Zeit. Ich habe Mutterschutz, freie Tage, Elternzeit und Abendstunden genutzt. Ich habe auch mal eine Woche Urlaub dafür genommen und ich habe immer gewusst, dass es ewig dauern kann.

6 Jahre. Das war mein innerer Zeitrahmen.

Bei meiner mündlichen Promotionsprüfung dann hatte ich die Minimaus schon in meinem Bauch und als die Promotionsurkunde endlich in der Post lag, war die Minimaus längst auf der Welt. Letztlich habe ich „nur“ 4,5 Jahre gebraucht. Es war trotzdem eine lange Zeit, es gab einige Pausen und Unterbrechungen, es gab ab und zu auch mal etwas Wichtigeres als das, aber ich habe es geschafft. Am Ende war sie fertig und ich Frau Dr. jur.

Die Methode der kleinen Schritte habe ich also schon mehrfach gelebt und kann bestätigen, dass noch so kleine Schritte ganz viel bringen können.

Aber ich bin mir sicher, dass alle Eltern das wissen.

Eltern sind immer in zähen kleinen Schritten im Familienalltag unterwegs. Allein schon der Haushalt: Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Tisch eindecken, Tisch abdecken, Kinder baden, Kinder ins Bett bringen, sich selbst mal duschen, eine Seite lesen, eine Email beantworten, noch eine Frage zum Kita-Gutschein abklären. Das machen wir alles in Minischritten und mit mehrfacher Unterbrechung. Und wir wundern uns dann auch gar nicht sehr, dass die Wäsche irgendwann im Schrank liegt, dass der letzte Teller plötzlich weggeräumt ist, dass man nach dem Sandmännchen und noch vor der Gute-Nacht-Geschichte wie von Zauberhand frisch gewaschene Haare hat, dass eine Email zwar erst nach drei Tagen dafür ausführlich beantwortet ist und dass um acht schlagartig Ruhe ist, weil alle Kinder schlafen.

Mit etwas Glück sind wir dann noch nicht zu müde für das Buch oder haben sogar noch Energie für andere Dinge übrig. Einen Smoothie ausprobieren z.B. (Ziel: gesünder leben) oder endlich mal das Buch mit den Anleitungen zum Selbernähen durchblättern (Ziel: mal etwas selbst nähen) oder sich die Nägel lackieren (Ziel: mich wieder mehr um mich selbst kümmern). Wer zu müde ist, macht daraus erst einmal: ein Rezept für den Smoothie heraussuchen (das nächste mal die Zutaten auf die Einkaufsliste schreiben) oder sich vorstellen, was man nähen möchte (das nächste Mal den Stoff bestellen) oder sich nach dem Duschen erst einmal eincremen (ein Fuß wird dann morgen lackiert, der zweite übermorgen). Und wenn es an diesem Abend nichts mehr wird, dann ganz sicher am nächsten.

Und das machen wir dann auch wirklich. Wir machen es morgen oder übermorgen oder überübermorgen. Bei uns ist das keine faule Ausrede. Irgendwann haben wir die letzte Email abgeschickt und die Frage mit dem Kita-Gutschein geklärt. Einmal im Monat haben wir sogar frisch lackierte Nägel und dann auch endlich den süßen Pinguin auf das Lieblingsshirt der Tochter genäht. Und wir haben gefühlt einmal im Jahr tatsächlich in alle Bücher von unserem Stapel zumindest einmal hineingesehen. Was sogar entschuldigt ist, denn dafür haben wir in dieser Zeit -mindestens- 50 Kinderbücher (vor)gelesen.

Bei uns dauert zwar alles viel länger als bei anderen, aber wir arbeiten es ab. Wir erledigen es.

Wir sind Meisterschildkröten.

Wir Eltern wissen, dass ein (scheinbar fernes) Ziel zu verfolgen, nicht einfach ist, dass es auch nicht immer lustig ist und dass man eine verdammt lange, lange Zeit weit weg ist von dem, was man eigentlich will. Wir haben es schon mehr als einmal erlebt, dass die Motivation nicht daher rührt, dass man schnelle Erfolge und damit schnelle Befriedigung erlangt. Wir können uns nicht einmal mehr daran erinnern, wie es ist, etwas Größeres zu wollen und das sofort in die Tat umzusetzen, ohne Pause, ohne lange darüber Nachzudenken, einfach so, aus einer Laune heraus, im Flow.

Deshalb sollte ein Vorsatz fürs neue Jahr nach unserer Erfahrung etwas sein, das wir aus uns heraus möchten. Etwas, das wir ohne unmittelbare Bestätigung von außen gerne tun oder sein wollen. Und wenn es dann auch noch etwas ist, das uns bei dem bloßen Gedanken daran schon stolz, zufrieden oder gar glücklich macht, dann ist es das Richtige. Dazu müssen wir den Weg selbst noch gar nicht so genau überblicken. Erst einmal genügen die ersten Schritte in die Richtung. Wir wissen, dass unser Elterngehirn lösungsorientiert arbeitet. Es sucht unbewusst einen Weg, selbst dann wenn wir die Details (noch) nicht alle kennen.

Bei mir war es wie gesagt die Promotion. Ich habe mir vorgestellt, wie ich eines Tages feierlich die Urkunde in Empfang nehme (In Wirklichkeit kam kurz vor der Promotionsfeier die Minimaus auf die Welt und die Urkunde letztlich mit der Post.), wie ich mit meiner Familie auf meinen Erfolg anstoße (ich war in meiner Vorstellung zwar nicht schwanger aber alkoholfreier Sekt tat es dann auch) und wie ich dann mit dem „Dr.“ unterschreibe (mache ich gar nicht so oft :-)). Am Anfang also hatte ich nur dieses Bild im Kopf und ich kannte meinen Doktorvater. Mein Promotionsthema kannte ich natürlich auch. Es war bewusst keines, das schnell veraltet sein würde, denn mein Doktorvater kannte meine familiäre Situation. Und ich wusste, dass ich an jedem Freitag schreiben kann. Das war alles. Von meinem Ziel war ich damit noch weit entfernt. Doch ich habe es die ganze Zeit über genossen, mich an den Schreibtisch zu setzen, zu schreiben und etwas zu tun, das mir sinnvoll erschien. Nur für mich. Ich gaaaanz alleine. Der Rest ergab sich dann mit der Zeit, mit jedem weiteren kleinen Schritt, quasi beim Gehen.

Klingt das mühsam?

Vielleicht, aber es klingt auch nach einer Veränderung in Minischritten. Lach.

Ich finde, wir können unsere Erfahrungen als Eltern nutzen und unsere täglichen Minizeitfenster im neuen Jahr einmal ganz bewusst unserem Herzensprojekt widmen. Die Schritte müssen nur klein genug sein, damit wir uns vorstellen können, sie in unseren gut gefüllten Alltag einzubauen.

Aber was sage ich, ihr wisst doch längst wie das geht.

Wer es dennoch genauer wissen will, kann es noch einmal nachlesen. Zum Beispiel bei Paul Sedmak „Die Philosophie der kleinen Schritte“ oder bei Robert Maurer „Kleine Schritte, die Ihr Leben verändern“. 

Oder auch in meinem Favoriten „The Book of YOU: Food, Mind, Move, Love“ von Nora Rosendahl, Nelli Lähteenmäki und Aleksi Hoffmann unter Mitwirkung von Jamie Oliver mit 365 konkreten Vorschlägen für „Micro- Actions“, die einfach umzusetzen sind.  

Ich mache mich im neuen Jahr in Minischritten auf den Weg zu meinem ersten eigenen Buch. Und ich wage mich an den Vorsatz, mir mit allem mehr Zeit zu lassen. Alles in Minischritten eben.

Ich wünsche Euch Frohe Feiertage und einen ruhigen Start ins Neue Jahr 2017.

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3 Kommentare zu „Kleine Schritte, große Wirkung oder Eltern sind Schildkröten…

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