Alles darf, nichts muss…

Ich habe gerade erst einen Artikel über Ziele und Pläne für das Jahr 2017 gelesen. Und mir wurde schlagartig klar: Es ist mal wieder soweit. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende. Das neue Jahr kommt mit großen Schritten auf mich zu. Wie jedes andere der zurückliegenden Jahre wird es mich teilweise überrennen, umwerfen, auch mal übersehen oder mich ungefragt mit sich schleifen. Ich werde gefühlt die halbe Zeit des Jahres versuchen, den Überblick zu behalten und die meiste Zeit doch nicht so genau wissen, was da gerade alles passiert. Diese verflixte Zeit dehnt sich manchmal so unendlich aus und dann zieht sie sich wieder blitzschnell zusammen. Wie beim Gummitwist. Ich war im zurückliegenden Jahr andauernd damit beschäftigt, irgendwie zwischen Beruf, Familie und dem, was ich ansonsten noch will, hin und her zu springen. Und möglichst ohne Blessuren durch all das hindurch zu kommen. Oft war ich ganz zufrieden. Aber noch öfter atemlos und angespannt.

Am zufriedensten war ich in den Momenten, in denen ich akzeptierte, dass ich nicht gleich viel Energie für Arbeit, Freizeit und Familie aufbringen kann; dass ich Zeit brauche, um meine Kinder groß zu ziehen; dass ich genau deshalb gerade keine Karriere mache; dass mir ein paar andere Herzensziele genauso wichtig sind und dass ich nicht alles haben kann.

Oh Gott, wie klingt das?

Du kannst nicht alles haben.

Deprimierend? Unkreativ? Resignierend?

Du kannst nicht alles haben, heißt jedoch auch, Du musst nicht alles haben.  Das hat verrückterweise auch etwas mit Freiheit zu tun. In meiner Werteordnung steht  die Freiheit momentan ganz oben. Das hat mir neulich mein Coach klar gemacht: „Ich lese aus ihren Worten heraus, dass sie mehr Freiheit wollen, wussten sie das?“ – „Freiheit, ich? Ich bin ein berufstätige Mutter. Ich bin eine dreifache Mutter. Ich bin das Gegenteil von frei!!!“. Diese drei Ausrufezeichen müssen mir im Gesicht gestanden haben, denn mein Coach lachte.

Dann antwortete sie: „Doch, es passt dazu, dass sie gerade keine Termine, keine beruflichen Zwänge und keine engen Zeitfenster mögen. Es leuchtet absolut ein, dass es Ihnen gerade wichtiger ist, sich selbst auszusuchen, was dran ist und was nicht. Sie haben nicht den Traum von einer Karriere, einer Weltreise oder dem eigenen Haus. Die damit verbundenen Werte (Ehrgeiz, Abwechslung, Geborgenheit) erfüllen Sie jetzt nicht. Sie treibt das Bedürfnis nach Freiheit um und dem sollten Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten entsprechen.“

Und dann sagte Sie mir etwas ganz simples und doch so befreiendes: „Sie müssen nicht alles sein. Sie dürfen entscheiden, was Ihnen jetzt wichtig ist und was warten kann. In zwei Jahren betrachten wir die Parameter dann neu.“.

Und auf einmal bekam ich mehr Luft.

Das ist es!

Nächstes Jahr werde ich es anders machen. Gaaaaanz anders. Ich werde aufhören darüber nachzudenken, wie ich als berufstätige Mama so sein sollte. Das heißt, ich werde meine Prioritäten verschieben. Ich werde immer noch arbeiten, Termine machen, Pläne schmieden und Ziele verfolgen.

Aber – und jetzt kommt es – ich werde versuchen, mehr im DÜRFEN zu sein. Das bedeutet, ich werde aufhören, mich dafür zu entschuldigen, dass ich manchmal einfach nur Mama und manchmal auch einfach nur ICH sein kann. Wenn meine Kinder krank sind, reiche ich bei meinem Arbeitgeber die Krankmeldung ein und bleibe zu Hause. Wenn ich nicht zum Yoga sondern mit meinen Kindern basteln oder lesen will, dann schwänze ich meinen Yoga-Kurs ohne schlechtes Gewissen; wenn ich keine Lust darauf habe, noch einen Elternabend zu besuchen, dann lasse ich mir das Wichtigste später berichten; wenn ich eine Auszeit brauche, dann gebe ich meine Kinder ab; wenn wir auch mal Leerlauf haben wollen, dann schalte ich die Klingel aus; wenn wir müde sind, gehen wir nach Hause und kuscheln uns zu fünft auf das Sofa.

Es wird keine aufregenden Eckpunkte und schon gar keine großen Ziele für das neue Jahr geben: Ich will weiterhin keine nennenswerten beruflichen Veränderungen herbeiführen; ich will meine Zeit mit Mann und Mäusen genießen; ich will die Freizeittermine der Kinder weiterhin auf die ihnen wirklich wichtigen Dinge reduzieren; wir werden unsere Wohnung schrittweise weiter einrichten (es fehlen noch ganz viele Lampen!!!);  ich werde mein Buch zu Ende zu schreiben (oh ja, aber nur dann, wenn ich dazu Lust habe); ich werde ein paar Tage alleine verbringen und ich werde immer noch keine Bio-, Öko-, Vegan-, Hip-, Lifestyle-, DIY-, 120% Attachment Parenting-Mama sein. Ich beginne damit, mir vorzustellen, dass mein Mamasein mich und mein Leben ausmachen darf. Dass ich dafür an andere Stelle kürzer treten darf, dass ich in anderen Lebensbereichen deshalb auch mittelmäßig bis schlecht sein darf (eine Karrierefrau und fleißige Yogini werde ich im nächsten Jahr nicht). Und das ich auch ab und zu das Mamasein für ein anderes Herzensziel beiseite schieben darf.

Im neuen Jahr heißt es bei uns öfter: „Alles darf, nichts muss.“

Ich gucke mal, wohin uns diese Einstellung bringt. Ich denke, es tut uns gut.

 

 

9 Kommentare zu „Alles darf, nichts muss…

  1. Martamam, Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe mich auch gerade von festen Verpflichtungen befreit – keine Nachmittags-Kinderkurse mehr … nur noch Verabredungen, wenn ich es möchte – und das gibt mir schon deutlich mehr Luft zum Atmen. Und diesen Satz „Du kannst nicht alles haben.“ finde ich richtig. Seit ich Mutter bin, verstehe ich ihn erst. Unsere Ressourcen sind begrenzt und das zu erkennen und das Beste draus zu machen ist eine Kunst.

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