Stilllesung

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Dieses Buch ist schon etwas länger auf meiner Leseliste. Bislang bin ich drumherum geschlichen und habe das Lesen immer aufgeschoben. „Lean in“ von Sheryl Sandberg ist sehr umstritten. Vielleicht habe ich es deshalb so gemieden. Ich wollte nicht lesen, dass ich meine Familienplanung als Grund nehme, keine Karriere zu machen. Man kann mich sehr treffen mit solch einem Vorwurf, denn ich möchte Karriere machen, aber nicht um jeden Preis und ich habe nur begrenzte Energieressourcen. Die kann ich nicht nur im Büro verbrauchen. Ich wollte nicht, dass mir diese schöne, kluge und so wahnsinnig erfolgreiche Frau den Spiegel vorhält. Dem Klappentext nach zu urteilen, würde sie jedoch genau das tun.

Also stand das Buch lange ungelesen hier herum und das war unbegründet, wie ich jetzt weiß. Nachdem ich einen Teil mit der Minimaus auf der Krabbeldecke und den anderen Teil beim Spaziergang auf der Parkbank gelesen habe, weiß ich noch nicht einmal, warum das Buch so heiß diskutiert wurde.

Es ist wie so viele andere in dieser Kategorie gut geschrieben, durch die autobiographischen Teile auch recht spannend und verursacht irgendwie ein wohliges Gefühl von Machbarkeit. Sheryl Sandberg schreibt über ihre Gedanken, Fragen und Sorgen zum Thema Familienplanung, Beruf und Vereinbarkeit. Ein-/Zweimal taucht auch der Rat auf, sich „reinzuhängen“ (lean in), der aber im jeweiligen Kontext nichts anderes meint, als seine Ziele nicht verfrüht aufzugeben. Sheryl Sandberg ist sich darüber im Klaren, dass sie sich in einer privilegierten Lage befindet und jede Menge Hilfe bekommt. Deshalb macht sie gar nicht erst den Versuch, hier für alle Frauen und Mütter sprechen zu wollen. Sie schafft es aber trotzdem, denn sie bleibt ganz klar dabei, dass jede Mutter ihre eigenen Ziele und Wünsche finden muss und einen Weg finden kann, diese auch mit Kindern umzusetzen. Und in dem Punkt gebe ich ihr natürlich recht, denn sie fordert lediglich, dass man sich entscheidet, dass man Prioritäten setzt, dass man sich nicht von den Erwartungen anderer korrumpieren lässt und dass man sich nicht selbst vor einem ernsthaften Versuch ausbremst, weil das alles ohnehin nicht geht.

Sie greift viele feministische Fragen auf. Besonders gut fand ich die Kapitel zur Gleichberechtigung, zur Karriereplanung und vor allem zum Mythos, man könne alles haben. Kann man nämlich nicht. Mit dieser Phrase befasst sich Sheryl Sandberg ausgiebig und zeigt, dass es viele sogenannte Zielkonflikte gibt, mit denen man als Mutter leben und seinen Frieden machen muss.

Und dann erklärt sie, wie sie damit umgeht und darin liegt so viel Kluges und irgendwie auch Selbstverständliches, dass sich jede Mutter daraus etwas für sich ableiten kann. Ein paar meiner persönlichen Schlüsselsätze sind: „Aufgrund der Knappheit dieser Ressource (Zeit) kann kein Mensch alles haben.“; „Kinder zu haben, bedeutet, sich jeden Tag anzupassen, Kompromisse einzugehen und Opfer zu bringen. Für die meisten Menschen sind diese Opfer und Schwierigkeiten nichts, was sie frei wählen.“; „Wir sind extrem gut darin, uns Sorgen zu machen, ob wir allem gerecht werden.“; „Perfektion ist der Feind.“; „Wenn ich mir eine Definition von Erfolg zu eigen machen müsste, dann: Erfolg bedeutet, so gute Entscheidungen wie möglich zu treffen…“; „Die richtige Frage lautet nicht: ‚Kann ich alles schaffen?‘, sondern: ‚Kann ich das schaffen, was für mich und meine Familie am wichtigsten ist?'“.

Und die für mich interessanteste Studie des Buches ist die im Jahr 1991 begonnene Untersuchung des Early Child Care Research Networks zum Zusammenhang zwischen der Betreuung und Entwicklung von Kindern. Ein Forschungsnetzwerk von 30 Experten der führenden Universitäten der USA hat über einen Zeitraum von 15 Jahren erforscht, ob es in der Kindesentwicklung unterschiedliche Auswirkungen bei einer externen Betreuung im Vergleich zu einer Betreuung durch die Mutter gibt. Die Erkenntnisse wurden 2006 in vielen Fachartikeln vorgestellt. Es sind keine Unterschiede gefunden worden. Kognitive Fähigkeiten, Sprachvermögen, Sozialkompetenz, die Fähigkeit Beziehungen einzugehen, Qualität der Mutter-Kind-Bindung wurden durch die Art der Betreuung nicht beeinflusst. Wichtig war indes, wie die Eltern (auch der Vater) auf ihr Kind eingehen, wie sie das eigenständige Verhalten des Kindes fördern und wie nahe sich die Eltern stehen. Die Studie kam zu dem Schluss, dass auch in Vollzeit berufstätige Eltern voll und ganz in der Lage sind, ihren Kindern eine liebevolle und geborgene Kindheit zu bereiten.

Vielleicht hilft dieses Wissen ein wenig, wenn das schlechte Gewissen an einem zerrt.

Was ist an dem Buch nun also so provokant? Eine kluge Frau hat kluge Gedanken aufgeschrieben zu ihrem Herzensthema der Gleichberechtigung, zu ihren Erfahrungen und ihren Gedanken beim Vereinbarkeitversuch, zu ihren Beobachtungen in der Arbeitswelt. Das sind teilweise ganz normale Gedanken einer berufstätigen Mutter und teilweise natürlich auch Sichtweisen einer erfolgreichen und einflussreichen Frau. Wer soll denn aber sonst den nächsten Schritt machen, um Mütter zu ermutigen, ihre Ziele zu verfolgen? Wer soll die Arbeitswelt denn sonst ein wenig aufmischen, wenn nicht Frauen wie sie? Warum soll sie nicht mal so offen darüber reden?

Ich kann das Buch nur empfehlen und sagen, dass es sich lohnt, nicht lange drumherum zu schleichen.

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