Muttertagsschreibe

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Ob der Muttertag daran schuld war -auf den ich offen gestanden allergisch reagiere- oder ob ich das nur nicht so richtig verstanden habe? Ich weiß es nicht. Als ich den Artikel in der FAZ am Sonntag vom 10.5.2015 las, wurde jedenfalls mein Morgenkaffee kalt. Gerade hatte ich abends noch das Kapitel zum „Guten Gewissen“ im Buch „Vive la famille“ von Annika Joeres gelesen, indem es darum ging, auch als Mutter unbekümmerter für sich zu sorgen, Betreuungsangebote für die Kinder leichten Herzens anzunehmen und sein bisheriges Leben auch mit Kindern ohne schlechtes Gewissen zumindest teilweise fortsetzen zu können und dann das:

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lobt nur Mütter, die bei Kind und Haushalt zu Hause bleiben. Oder wie soll ich das verstehen?

Der Beitrag von Redakteurin Anke Schipp schildert das Beispiel einer Akademikerin und Vierfachmutter, die zu Gunsten der Kinder letztlich aus ihrem Beruf ausgestiegen ist. Die Autorin geht ein wenig darauf ein, was es bedeutet, neben dem Beruf auch noch Kinder groß zu ziehen und dass manche Mütter das gut schaffen würden. Was irgendwie schon wieder lustig ist, denn ich kenne auch unter den Akademikern nur wenige Familien, die sich eine Alleinverdienerehe heute noch leisten können. Bei vielen gibt es also nicht mehr wirklich eine andere Option. Noch lustiger wird es dann bei der Schilderung, dass Haushalt, Mann und Kinder harte Arbeit genug seien und die gesellschaftliche Realität eben oft einfach nicht zulasse, dass Mütter daneben weiter arbeiten, so wie im Beispielsfall geschehen. Der Artikel vermittelt zudem den Eindruck, dass dies im Hinblick auf die gestressten Mütter im Beruf ohnehin besser sei.

Ich gebe Frau Schipp recht, wenn sie schreibt, dass eben nicht alles vereinbar ist. Natürlich nicht und im Beispielsfall kam wohl auch einiges an suboptimalen Umständen (verständnisloser Arbeitgeber, Mann mit 60 Stundenwoche, Umzug und 4 Kinder) zusammen.

Ich sehe auch ein, dass die Entscheidung einer Mutter (und eines Vaters?) fürs Zuhausebleiben fallen kann. Aber jemand Kluges hat mal geschrieben „Vereinbarkeit beginnt im Kopf“ (Eva-Maria Popp), d.h. ich darf und muss Prioritäten setzen. Das Motto muss dann auch nicht lauten „Ganz oder gar nicht“ wie in dem aufgezeigten Beispiel sondern ich darf in manchen Bereichen einfach nur „mittelmäßig“ sein, wenn ich dadurch aus meinem bisherigen Leben ohne Kinder ein wenig ins neue Leben mit Kindern hinüberretten kann (nach dem Buch „Vive la famille“ von Annika Joeres). Ich finde, von dieser Gelassenheit braucht die Bundesrepublik noch mehr.

Was soll mir der Artikel der FAZ nun also sagen? Schade, dass gut qualifizierte Frauen zu Hause bleiben müssen? Aber wenigstens bewundern wir, dass Mütter resignierend zu Hause sind, finanzielle Einbußen hinnehmen und immerhin stolz auf ihre Kinder sind? Das sind ja tolle Aussichten für jemanden, der das so eigentlich nicht will und auch nicht kann.

Oder will Frau Schipp damit zum Ausdruck bringen, dass wir den Müttern zu Hause mehr Anerkennung schulden, weil man als Mutter zu Hause viele Aufgaben unentgeltlich zu bewältigen hat und sich für diesen Weg inzwischen schon rechtfertigen muss. Nunja, bei mir muss sich niemand dafür rechtfertigen, aber ich selbst will nicht alleine für Kinder und Haushalt verantwortlich sein. Und der Mäusepapa möchte auch nicht allein für den Familienunterhalt aufkommen müssen. Ich kann daher auch so gar nicht die Ansicht nachvollziehen, dass ich nur Kinder haben sollte, wenn ich einer solchen Bestimmung folge. Mich nervt es, dass Muttersein für viele noch automatisch Zuhausesein bedeutet und Vatersein mit Familienernährer gleichgesetzt wird. Dafür gibt es einfach zu viele Facetten.

Ich frage mich daher, was ich mit mehr Anerkennung soll? Ich möchte mein Leben mit Kindern, Beruf und Partner leben. Ich möchte etwas mehr Zeit für alles haben und erwarte daher pragmatische und konkrete staatliche Unterstützung dafür. Viele Mütter, die ihr Leben zwischen Beruf und Familie anstrengend finden, wollen das aus berechtigten Gründen trotzdem nicht anders (viele Studien zeigen das) und warten nur darauf, dass die Gesellschaft und die Politik die nötigen Veränderungen schneller einleitet, um es allen etwas leichter zu machen.

Wieso schreibt man nicht davon? Wieso muss ich noch einen Artikel lesen, der einerseits alle Nachteile des Hausfrauenlebens aufzeigt und es dabei gleichzeitig schafft, die berufstätigen Mütter irgendwie schlecht aussehen zu lassen und die altväterliche Ideologie zu vermitteln, dass Mama trotz allem besser zu Hause bleibt?

Dieses Rätsel habe ich auch nach dem zweiten -diesmal heißen- Kaffee nicht gelöst.

Besser gefiel mir da schon der Artikel im Stern (Nr. 21 vom 13.5.2015) zum Thema „Kinder, Karriere, KiTa-Streik“. Hier werden ab S. 42 verschiedene Frauen zu ihren -zumeist selbstgewählten-Kompromissen für ihr Leben mit Kindern befragt. Zu Wort kommen hier alle: Vollzeit-Mütter, Alleinerziehende, Selbstständige, Familienernährerinnen, Zuverdienerinnen und Vollzeit-Berufstätige.

Das Fazit ist beim Stern, die perfekte Mutter braucht man nicht und jeder findet seinen Weg zur Vereinbarkeit mit allen Vor- und Nachteilen. Mit dieser Aussage kann ich leben, auch wenn das Thema hier ebenfalls nur oberflächlich und eher unkritisch abgehandelt ist. Es gäbe dazu so viel mehr zu sagen.

Ein Kommentar zu „Muttertagsschreibe

  1. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und nicht immer lässt sich der gewünschte Plan in die Tat umsetzen. Ich kann einfach nicht verstehen, warum es immer noch so viele Artikel gibt, die das einseitig beleuchten und die andere Seite schlecht dastehen lassen.
    Ich für meinen Teil bin zu Haus und muss mich häufig dafür rechtfertigen, arbeitende Mütter rechtfertigen sich dafür, dass sie arbeiten. Leben und Leben lassen ist in unserer Gesellschaft leider nicht sehr weit verbreitet 😦

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