Stilllesung

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Dies wird wohl mein vorerst letztes Buch zum Thema Familie, Kinder und Vereinbarkeit sein. Es wartet jetzt mal ein Krimi auf mich. Mit diesem Buch hier haben sich allerdings einmal die Väter zu Wort gemeldet. Das hatte Malte Welding auch schon getan und hier ist also noch eines aus der Reihe. „Geht alles gar nicht“ von Marc Brost und Heinrich Wefing, beides Journalisten und Väter. Sie sind der Ansicht, dass es bei uns keine Vereinbarkeit gibt und fordern dazu auf, das endlich mal ehrlich zu sagen. Ohne Witz und Galgenhumor. Es geht eben nicht, wie der Titel des Buches schon sagt. Sie meinen damit in erster Linie die Väter, von denen auch einige in den abgedruckten Interviews zu Wort kommen. Die aufgeworfenen Fragen und Probleme betreffen aber weitestgehend auch die Mütter.

Marc Brost und Heinrich Wefing machen für die fehlende Familienzeit der Väter vor allem den Arbeitsmarkt und die Beschleunigung und Globalisierung unseres Lebens verantwortlich, was auch ins Privatleben hineingreife. Gleichzeitig widersprächen sich die familienpolitischen Maßnahmen. Mehr noch, es gäbe sie weitestgehend gar nicht oder sie würden nur halbherzig initiiert.

So sei zB die Idee von der 32-Stundenwoche für Familien zwar von Frau Schwesig eingebracht, jedoch nie ernsthaft einer Umsetzung zugeführt worden. Zudem sei diese politische Idee nach Ansicht der Autoren nicht wirklich sinnvoll, weil dadurch nicht mehr Familienzeit gewonnen werde. Beide Eltern würden letztlich zusammen gerechnet mehr arbeiten als im klassischen Modell Teilzeit/Vollzeit und wieder weniger Zeit für die Kinder haben. Das sehe ich zwar anders, denn die Idee dahinter war es, beiden Eltern sowohl eine berufliche Perspektive und ein gewisses Einkommen zu erhalten als auch noch angemessene Zeit für die Familie zu haben. Aber gut, eine Elternteilzeit würden die Arbeitgeber ohnehin als weniger wertvolle Arbeitsleistung betrachten und dann eben beiden Eltern den Karriereweg blockieren. Auch ein Vorwurf, der im Buch herausgearbeitet wird, dass die Familienarbeit (und dem geschuldete Teilzeittätigkeit) gegenüber der vollen Erwerbstätigkeit in unserer Gesellschaft zu wenig als Wert gesehen wird, womit sie Recht haben.

Sie werfen der deutschen Gesellschaft zudem vor, an Elternschaft kaum Interesse zu haben. Als gruseliges Beispiel wird neben anderem die wachsende Unterstützung des Social Freezing durch Unternehmen angeführt, die ihre Mitarbeiterinnen auf diese Weise länger kinderlos im Beruf halten. Im Moment ganz klar noch Einzelfälle, dennoch ist das ein Zukunftsszenario, das nachdenklich macht.

Ich kann das alles gut verstehen und viele Aspekte sind mir auch nicht neu, aber das Buch hat es nochmal geschafft, mich vollends zu deprimieren. Keiner der Interviewpartner ist wirklich zufrieden mit seinem Berufs- und Familienleben. Am entspanntesten wirkt da noch der Vater im öffentlichen Dienst, der allerdings zu Gunsten der familienfreundlichen Arbeitsbedingungen auf einen abwechslungsreicheren, spannenderen und besser bezahlten Job verzichtet hatte. Andere Väter beklagen überwiegend ihr hohes Arbeitspensum, unflexible Arbeitszeiten, mangelnde Toleranz ihrer Arbeitgeber in Familienfragen und die verlorene berufliche Perspektive für ihre Frauen. Denn diese seien es wegen der immer noch vorhandenen Einkommensschere zwischen Männern und Frauen überwiegend, die mit der Geburt der Kinder letztlich ihren Beruf aufgeben oder kürzer treten. Auch so ein (noch) akzeptiertes Problem in der deutschen Arbeitswelt, der Gender-Gap.

Unsere Generation sei zudem auf dem Weg zur neuen Elternschaft. Uns würden Vorbilder fehlen, denn die Rollenmodelle unserer Eltern und Großeltern würden wir nicht leben wollen. Wie es anders geht, wüssten wir noch nicht und Unterstützung beim Ausprobieren gebe es wenig. Eine Lösung für das Dilemma werde es realistisch betrachtet auch nicht geben, so die Autoren. Ein gesellschaftlicher Wandel könne nicht in kurzer Zeit nachgeholt werden. Wenn es gut laufe, profitiere vielleicht die Generation unserer Enkel von den nötigen Veränderungen.

Na toll! Eines hat mich jedoch ein wenig getröstet. Wenn ich das Gefühl habe, das geht gerade alles gar nicht, weiß ich jetzt, dass es nicht allein an mir und meiner mangelnden Organisationsfähigkeit liegt, sondern dass es durchaus gewichtige Weichen gibt, die ich alleine nicht stellen kann. Zu wissen, dass ich nicht jedes Mal selbst schuld bin, wenn es mal hakt, entlastet mich durchaus. 

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