Stilllesung

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Eine schlafende Minimaus, ein Kaffee und wieder ein sehr interessantes und gut geschriebenes Buch. Ich bin zufrieden mit dem Tag. Und Malte Welding hatte seinen Anteil daran. Genauer gesagt sein Buch „Seid fruchtbar und beschwert euch“. Er ist Vater, freischaffender Journalist und Autor und hat sich so seine Gedanken darüber gemacht, warum die Deutschen laut vieler Umfragen zwar Kinder wollen, aber nicht bekommen. Viele, sehr viele kluge Gedanken, viele Fakten, das Ergebnis vieler Studien, viele Expertisen und auch seine eigenen Erfahrungen kann man hier zu der Kernfrage nachlesen, warum es sogar in China mit seiner Ein-Kind-Politik im Durchschnitt pro Frau mehr Kinder (1,55) gibt als bei uns (1,3).

Der Mäusepapa meint dazu, man habe ein Kind dann wohl nicht genug gewollt oder sei einfach nicht bereit, seinen Lebensentwurf für Kinder zu verändern. Immer ausgenommen die Paare, die ein Kind aus medizinischen Gründen nicht bekommen können. Die Komfortzone zu verlassen, erfordere eben auch Mut. Ich glaube, er denkt dabei auf der einen Seite an Freunde, von denen die einen ihr Auto erst abbezahlen wollten, erst noch die Reise nach Indien machen wollten, erst noch die eine entscheidende berufliche Veränderung abwarten wollten und sich dann ein Zeitfenster von genau einem Jahr einräumten, um ein Kind zu zeugen. Oder das andere Paar, bei dem beide nach eigener Aussage mindestens 2 Kinder wollen, dann jedoch über den Zeitpunkt unsicher sind, abwarten wann der andere das Startsignal gibt und sich zu nichts konkreterem als „irgendwann mal“ duchringen können. Beide Paare sind bis heute kinderlos und inzwischen Ende 30 und Mitte 40. Und er denkt wohl auf der anderen Seite an Bekannte in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, die Zeit, Geld und Kraft investieren um sich den Kinderwunsch (auch auf Umwegen) zu erfüllen. Inzwischen sind sie dreifache Eltern.

Der Mäusepapa ist auch der Meinung, man müsse in Kauf nehmen, dass eine Familie Abstriche in anderen Lebensbereichen bedeute. Man müsse sich womöglich beruflich einschränken, sich notfalls beruflich sogar verändern, seine Zeit neu strukturieren, sich neu finden. Man entscheide sich mit Kindern schließlich für eine bestimmte Lebensweise und kaufe sich nicht mal eben ein neues Sofa. Das wolle nicht jeder auf sich nehmen, was okay sei, aber letztlich jeder für sich entscheiden müsse.

Das ist sicher nicht gänzlich falsch, kann aber nur ein Teil der Wahrheit sein. Warum ist das allein meine persönliche Sache, warum muss ich mich entscheiden und Abstriche zB im Beruf akzeptieren? Ich denke da an meine Bekannte aus dem PeKiP-Kurs, die als Mutter und in Teilzeit plötzlich nicht mehr für eine Partnerschaft in der Anwaltskanzlei in Frage kam. Oder an meine Freundin, die schon vor dem Mutterschutz mit dem dritten Kind in ihrer Kanzlei gemobbt wurde und das, obwohl die Partner selbst zwei und vier Kinder haben. Ich denke auch an meine Schwester, die sich ein Kind in ihrem Beruf gar nicht erst zutraut und an Väter, die sich schon den Antrag auf Elternzeit nicht zutrauen. Sind sie alle nur bequem oder feige?

Als Eltern verändert sich das Leben, ganz klar. Das geschieht unweigerlich mit der Verantwortung, die man mit Kindern übernimmt und mit den neuen Aufgaben, die das Leben als Familie mit sich bringt. Aber warum soll ich darüber hinaus Abstriche machen? Warum soll ich berufliche Nachteile akzeptieren? Warum soll ich ein bestimmtes Rollenkonzept als Ideal und deshalb gesellschaftlich und sogar staatlich unterstützt akzeptieren? Warum stoße ich als Mutter oder Vater an Machbarkeitsgrenzen, die es in anderen Ländern nicht gibt? Warum muss ich bei uns eher wagemutig veranlagt sein, um einen Kinderwunsch umzusetzen?

Der Mäusepapa fragt sich, warum bei uns so viele die mit der Familiengründung einhergehenden Veränderungen scheuen und dem wachsenden gesellschaftlichen Konsens gegen Kinder nicht mehr entgegensetzen, nach dem Motto: „Keiner findet es gut, aber alle machen mit (indem sie keine Kinder bekommen)“. Ich frage mich, warum unsere Gesellschaft und unsere Politik das Kinderwollen und Kinderhaben nicht ein wenig mehr mittragen, etwas mehr unterstützen und mehr honorieren können? Warum trifft man bei uns eher auf das allgemein verbreitete Lebensgefühl, Kinder zu haben sei halsbrecherisch?

Die Antwort darauf ist offensichtlich vielschichtig und nicht einfach. Malte Welding durchleuchtet alles, was es an Argumenten und Rahmenbedingungen für oder genauer gegen das Kinderkriegen bei uns gibt und ich war selten so einverstanden. Meine Bücher bekommen an den Seiten Eselsohren, auf denen ich etwas wichtig fand oder ein Aha-Erlebnis hatte. Eine Unart, ich weiß, aber ich hatte auch selten so viele…

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Die Vereinbarkeitsfrage ist dabei nur ein Aspekt. Es werden auch kulturelle, historische und wirtschaftliche Faktoren herangezogen, wobei vieles davon ineinander greift und sich gegenseitig bedingt. Malte Welding bewertet die bislang getroffenen Entscheidung in der Familienpolitik, deckt Widersprüche in der politischen und fachlichen Argumentation auf und zeigt, welche politischen Maßnahmen aus Sicht der Familien wünschenswert und sinnvoll wären. Dabei bleibt natürlich der Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn nicht aus. An den Stellen könnte ich immer heulen, denn von deren gesellschaftlichen Konsens und daran geknüpfte politische Unterstützung für Familien sind wir noch weit entfernt.

Malte Welding zeigt aber auch, welches Glück es bedeutet Kinder zu haben und letztlich ist das Buch eine Aufforderung an alle, die sich eine Familie wünschen, sich die Freiheit zum Kinderkriegen und Familiewollen zu nehmen. Ich bin damit wohl nicht mehr gemeint, aber vielleicht sollte das Buch auch manch anderer dringend lesen.

2 Kommentare zu „Stilllesung

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