MontagsGrübelei

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Es war nur ein Film. Ich kann diese Szene trotzdem nicht vergessen. Sogar nachts, wenn ich aufwache, habe ich oft dieses Bild im Kopf. Es ging um den Holocaust. Die Menschen wurden aus ihren Häusern auf einen Sammelplatz getrieben. Eine Mutter hat ihr Baby im Arm und weint die ganze Zeit: „Warum habe ich das getan? Warum habe ich das getan?“. Ihr Mann steht schweigend und hilflos daneben bis jemand genervt ruft, sie solle endlich still sein. Da erzählt er, dass sie unbeabsichtigt und aus Angst ihr Baby erstickt hat, weil sie es im Versteck zum Schweigen bringen wollte.

Gestern hatten wir Kaffeebesuch und uns über Großväter unterhalten, die den Krieg mochten. Unser Besuch hatte so einen Großvater und mein Mann auch. Ich kann das nicht verstehen. Keiner von uns kann das. Ich hatte einen Urgroßvater, der verständlicherweise Angst hatte vor dem Krieg. Er wurde noch in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges wegen Desertation hingerichtet. Ich habe seinen letzten Brief an die Familie einmal gelesen und meine Oma liest ihn noch oft, sehr oft. Ich glaube, sie hat ihren Vater ihr Leben lang vermisst. Wir haben gestern bei Kaffee und Keksen darüber und über unsere Vorfahren gesprochen, die in dieser Zeit ihre Heimat verloren hatten. Ich hatte sofort wieder diese Filmszene vor Augen.

Ich weiß, dass ich nicht ansatzweise nachfühlen kann, wie es den Müttern und Vätern ging, die solche Grausamkeiten erlebt haben. Ich habe diese Bilder auch ohne Kinder schon schwer ertragen. Seit ich Kinder habe ertrage ich sie gar nicht mehr. Ich bin durchlässiger geworden, mein Schutzschild fehlt. Nachrichten, Filme und Geschichten, in denen Kindern etwas angetan wird, halte ich schlicht nicht mehr aus. Auch wenn sie fiktiv sind.

Ich denke dann jedes Mal an all diese Kinder, die keine Zukunft mehr hatten. Deren Leben noch gar nicht richtig begann und wie willkürlich und grausam es beendet wurde. Und ich denke an Kinder, wie meine Oma es damals war, die ihre Eltern verloren haben und ohne sie groß werden mussten. Wer hält das schon aus?

Wenn ich meine Oma ansehe, weiß ich, dass sie diesen Teil ihres Lebens nie vergessen hat. Wenn ich meine Minimaus dann ansehe, weiß ich, wie gut wir es haben. Das darf ich niemals vergessen.

Ein Kommentar zu „MontagsGrübelei

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