20 Jahre mit, 20 Jahre ohne

hands of a grandfather and child. isolated on white

Heute ist ein ganz, ganz denkwürdiger, verwirrender und irgendwie trauriger Tag. Heute vor genau 20 Jahren starb mein Vater. Und in ein paar Tagen werde ich 40 Jahre alt sein. Das heißt, ab heute verbringe ich mehr Lebenszeit ohne ihn als mit ihm. Ab heute ist mein Leben ohne Vater länger als das Leben mit Vater. Ab heute bin ich fast so alt wie er es damals war (er starb mit 44), ab heute beginnt eine andere Zeitrechnung für mich. Es hat lange schon nicht mehr weh getan. Heute tut es wieder weh.

Ich stelle mir vor, wie er als Opa gewesen wäre. Er war es ja nie und ich habe ihn nie als Opa erlebt. Meine Kinder haben ihn nie kennengelernt. Es gab ihn schon nicht mehr in meinem Leben als ich meinen Hochschulabschluss machte, ja nicht einmal als ich meinen Mann kennen lernte und schon gar nicht als ich meine Promotion abschloss. Er war auch nicht mehr bei uns als ich heiratete und Kinder bekam. Er hat viel Wichtiges in meinem Leben verpasst und vieles davon hätte ihn ganz sicher stolz gemacht. Er wäre ein guter Opa gewesen, genauso wie er ein guter Vater war bevor er krank wurde. Er wäre ein schlauer Opa gewesen, er hätte meinen Kindern viel über die Logik der Welt erzählen können und mit ihnen dem Ball über den grünen Rasen nachgejagt. Er war Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik und ich habe diese Fächer in der Schule geliebt. Ich möchte ganz dringend, dass meine Kinder diese Vorliebe auch geerbt haben. Ich sehe meinen Sohn an und denke, er hat die Augen und die Haare meines Vaters und er spielt genauso gerne Fußball wie er damals. Ich sehe meine Tochter an und ich denke, da ist dieses Kluge, genau wie bei meinem Vater. Ich will das natürlich irgendwie auch in ihnen sehen und die Zeit wird zeigen, ob es tatsächlich da ist.

Vieles habe ich vergessen aus unserer gemeinsamen Zeit damals und meine Schwester wird sicherlich an andere Erlebnisse denken als ich. Aber ganz viel weiß ich auch noch und möchte es meinen Kindern genauso mit auf den Weg geben. Auf den Fotos erkennen meine Kinder den Opa Poldy jedenfalls, auch wenn er nicht mehr lebt. Die Familie ist mir mit der Geburt meiner Kinder wichtiger geworden. Auf einmal bedeutet es mir etwas, dass meine Kinder mit liebevollen Tanten, verrückten Onkeln, altklugen Cousinen, fürsorglichen Omas oder humorvollen Opas aufwachsen. Vielleicht auch, weil es in meiner Ursprungsfamilie so wenig davon gab. Sie haben zum Glück auf Seiten des Mäusepapas Tanten, Onkel, Cousinen, Oma und Opa. Und von meiner Seite gibt es eine recht junge Oma, einen „adoptierten“ Opa und sogar noch eine Uroma. Der Uropa ist vor zwei Jahren verstorben und passt jetzt im Himmel auf die ebenfalls verstorbene Hauskatze auf (in der Vorstellung der Maus). Maus und Mäuserich werden also noch einige Zeit mit allen verbringen können und auch meine Minimaus wird manche Erinnerung an ihre Großeltern ins Leben mitnehmen können. Dafür bin ich dankbar.

Der Mäuserich konstatierte neulich ganz unschuldig: „Mama, Dein Papa lebt nicht mehr.“ Ich: „Ja, das ist richtig.“. Er: „War das vom Hai?“. Für den Mäuserich sterben im Moment Leute nur deshalb, weil sie vom Hai gefressen werden. Insofern ist die Logik in seiner Frage nicht zu übersehen. Eben doch ganz der Opa Poldy.

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