Stilllesung

Ich kann das Thema nicht sein lassen und lese gerade zwei sehr interessante Bücher über die gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenhänge zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie über das traditionelle deutsche Familienbild und woher es kommt. Wer solche Fragen gerne in Zahlen und Studien wissenschaftlich belegt haben möchte, findet das in beiden Büchern. In diese Reihe passt auch das Buch von Barbara Vinken „Die deutsche Mutter“, das ich auch in meiner Literaturliste habe. Letzteres liest sich hier und da nur etwas schwierig. Da sind die Bücher von Karen Pfundt „Die Kunst in Deutschland Kinder zu haben“  und Lisa Ortgies „Heimspiel“ gefälliger. Neben vielen Zahlen gibt es jede Menge interessante Informationen dazu, wie das Thema Familie, Mütter und Beruf u.a. in Frankreich und in den skandinavischen Ländern wahrgenommen wird.

Besonders aussagekräftig für die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Einstellungen fand ich die Sichtweisen, die französische, dänische und deutsche Mütter zum Thema KiTa-Start haben. In Dänemark sei es üblich, die Kinder mit einem halben Jahr in die „familienergänzende“ Betreuung zu geben. Das hänge ganz stark auch mit der Dauer der Lohnersatzleistungen zusammen, die dort für 6 Monate nach der Geburt des Kindes nahezu vollständig den bisherigen Lohn abdecken. Für die Däninnen sei es zudem sonnenklar, dass die Kinder es in der KiTa gut haben und es daher für die Kleinen nur förderlich sei, eine solche Einrichtung recht früh besuchen zu dürfen. Diese Sichtweise rühre wiederum daher, dass das Personal in den KiTas hoch qualifiziert, gut bezahlt und anerkannt ist und der Betreuungsschlüssel wesentlich niedriger sei als bei uns. Die Französinnen wiederum seien es gewohnt nach 3 Monaten Auszeit wieder in den Beruf zu starten. Die Kleinen werden dann bei Tagesmüttern, Nannys oder auch in Krippen betreut. Auch wenn das in deutschen Ohren hart anmutet und das sicherlich nicht ausnahmslos alle Mütter toll finden, so ist es dennoch der gesellschaftliche Konsens, den die überwiegende Zahl der Mütter in Frankreich und Dänemark auch befürwortet. In Schweden werde darüber hinaus schon seit mehr als 3 Jahrzehnten gefördert, dass Mütter zum Berufsleben dazu gehören und auch Väter ihre Familienarbeit leisten können. Hier gelte es als unorganisiert und unsozial, sich nicht um seine Kinder zu kümmern und z.B. noch bis spät abends im Büro zu sein. Diese Familienfreundlichkeit im Beruf und Alltag haben mir auch unsere Freunde, die mit ihren drei Kindern seit mehreren Jahren in Schweden arbeiten und leben, bestätigt.

Berufstätige Mütter müssen also weder in Frankreich noch in Skandinavien das Gefühl haben, schlechte Mütter zu sein, wenn sie nach 3 oder 6 Monaten in den Beruf zurückkehren. Sie werden auch nicht Sätze zu hören bekommen wie: „Wozu habe ich dann Kinder, wenn ich sie gleich wieder abgebe?“ oder wie ich im Gespräch zu meinem geplanten Wiedereinstieg nach der Geburt des dritten Kindes „Bei Dir möchte ich nicht Kind sein.“ Es redet ihnen auch niemand ein, die Kinder würden darunter leiden oder gar Spätschäden davontragen, wenn sie frühzeitig in der KiTa oder durch eine Nanny/Tagesmutter betreut werden. Im Gegenteil, die in Deutschland noch propagierte Bindungstheorie gelte gemäß beider Bücher dort als veraltet und wissenschaftlich widerlegt. Bindung entstehe eben nicht nur durch eine selbstaufopfernde Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Mutter. Im Französischen gäbe es das Wort „Rabenmutter“ daher auch gar nicht. Hier sei eher die „Gluckenmutter“ das Negativbild.

Die Mütter gestalten ihre Elternzeit und den Berufs(wieder)einstieg und damit auch das Leben mit ihren Kindern vor allem in Skandinavien überwiegend anders als wir in Deutschland. Die Familienpolitik ist in diesen Ländern (z.B. mit hohem Elterngeld, entsprechenden Steuerregelungen, Förderung der Kinderbetreuung und qualifizierter Ausbildung mit angemessener Bezahlung des Personals) seit mehreren Jahrzehnten darauf ausgerichtet, dass Mütter wie Väter ihren Anteil am Familienleben haben und Beruf und Familie gut vereinbaren können. Das ist dort selbstverständlich und die Gesellschaft unterstützt berufstätige Eltern. Beide!

Wenn ich das alles lese, finde ich unsere deutsche, leider noch vorherrschende Einstellung, dass das Kind ausschließlich zur Mutter gehört, sie deshalb nicht arbeiten kann und soll und Krippen fürs Kindeswohl ohnehin nur schädlich sind doch über alle Maßen altmodisch und rückständig. Es macht mich wütend zu erleben, dass die Mutter die alleinige, seeligmachende Lösung für eine gute Entwicklung der Kinder sein soll und alles -angefangen bei der empfohlenen Stilldauer von mindestens 6 Monaten bis hin zum angeratenen KiTa-Start nicht vor drei Jahren- darauf ausgerichtet ist, die Mütter zu Hause anzubinden. Noch wütender macht es mich zu hören, dass Mütter es angeblich auch nicht anders wollen. Natürliche Berufung und so…Mir war vorher nie so klar, dass auch die deutsche Ratgeberliteratur dazu teilweise tendenziös ist und dem deutschen Rollenbild zuspielt. Eine Broschüre zum Stillen in Dänemark empfielt als ideale Stilldauer  – na, wer kann es erahnen? – genau, 3 Monate voll stillen. Dies entspricht dem üblichen Wiedereinstieg der Däninnen in den Beruf nach 6 Monaten.

Na klar, die Kehrseite dessen ist in Skandinavien, dass berufstätige Mütter dort eben üblich sind und eine Mutter, die ganz zu Hause bleibt, eher selten vorkommt. Mir selbst entspricht eine berufstätige Mutter eher. Und viele Studien belegen, dass dies auch der Wunsch der meisten jüngeren Frauen ist. Wer zu Hause bleiben will, kann dies auch in Dänemark oder Schweden, wird dort wohl aber -auch aufgrund der politischen Maßnahmen, die die Berufstätigkeit der Mütter flankieren- die Ausnahme bleiben.

Natürlich ist dabei die Frage, was war zuerst da? Die gesellschaftliche Sichtweise oder die politischen Maßnahmen. Ich denke, irgendwie beides. Die Politik sollte dem folgen, was Väter und Mütter heute möchten (dazu gibt es Unmengen an Umfragen und Studien) und nicht an dem festhalten, was einmal als traditionelles Familienmodell galt. Gleichzeitig wird sich dann auch der gesellschaftliche Konsens verändern und das moderne Familienbild prägen. Und da geht mir entgegen meiner bisherigen Ansicht nun doch manches viel zu langsam. Wir haben in Deutschland einiges nachzuholen.

Also, wer es genau wissen will. Beide Bücher lesen sich zu all diesen Fragen sehr gut.

Ein Kommentar zu „Stilllesung

  1. Sehr interessant, wie andere Länder mit der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie umgehen. Dass Skandinavien hier positiv heraussticht, finde ich nicht weiter verwunderlich, denn auch in Bildungsfragen finde ich die skandinavische Herangehensweise sehr effizient und vorbildlich. Ich hätte aber nicht gedacht, dass die Unterschiede in der Betrachtung von arbeitenden Müttern auch in Europa so groß sind, wie zum Beispiel dass in Frankreich eher das Konzept der Gluckenmutter abgelehnt wird. Dass jemand tatsächlich gesagt hat, dass er/sie bei dir nicht Kind sein möchte, finde ich ehrlich gesagt schon hart und auch ein bisschen unverschämt.
    Das Buch „Heimspiel“ kannte ich übrigens noch nicht und werde mal schauen, ob ich es günstig finde.

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