Wo lebst Du und wie lange schon?

IMG_4072Ein nachdenklicher Blogbeitrag von annaschmidt-berlin.com hat mich dazu inspiriert, auch etwas zum Thema Wohnort zu schreiben. Da ich jetzt seit über 20 Jahren nicht mehr in meinem Geburtsort lebe und mein Mann ebenfalls woanders aufgewachsen ist, ist es auch bei uns immer mal wieder ein Thema, was für uns als „Zugereiste“ anders ist. Manchmal beneide ich diejenigen, die ihr Leben an einem einzigen Ort verbringen, ihr soziales Netz quasi in die Wiege gelegt bekamen und sich hier verwurzelt und zu Hause fühlen. Es erwies sich laut ihrer Äußerungen oft als unschätzbar, dass auch deren Familien in der Nähe leben, Freunde schon aus Schultagen bekannt sind und berufliche Wege über unzählige „alte“ Kontakte geebnet scheinen. Ganz zu schweigen von der Sicherheit, die der Geburtsort einem auch in Krisenzeiten vermittelt. Ich kann daher gar nicht ausnahmslos sagen, dass es mich besser anmutet, schon an mehreren Orten gelebt und unser Lebensumfeld schon einige Male verändert zu haben.

Meine Oma lebte ihr ganzes, inzwischen immerhin 83 Jahre währendes Leben an einem Ort im selben Haus. Hier ist sie geboren, hier hat sie ihre Kindheit verbracht, geheiratet, bis zu deren Tod mit ihrer Mutter im Haus gelebt, ihr Kind groß gezogen, goldene Hochzeit gefeiert und ihren Mann beerdigt. Sie kennt jeden Baum und jede Familie am Ort seit Jahrzehnten. Sie kann berichten, welches Haus neu gebaut wurde, welches Haus schon immer da war und wer wann mit wem darin gewohnt hat. Sie kennt die Biographien aller „Alteingesessenen“ über Jahrhunderte und alle Pastoren des Ortes in chronologischer Reihenfolge bis in ihre Kindheit zurück. Sie weiß auch, welches Familienmitglied wann welchen Apfelbaum im Garten gepflanzt hat, welchen Teil des Hauses renoviert und den Garten (geringfügig) verändert hat. Sie ist nur hier glücklich, reist ungern und bedauert mich, Maus und Mäuserich regelmäßig dafür, dass wir in der großen, weiten und rauhen Welt da draußen leben müssen.

Im Studium und im Referendariat fühlte ich mich auch tatsächlich oft entwurzelt und von meiner Ursprungsfamilie viel zu weit entfernt. Meine Wohnorte während des Studiums, des Referendariats und des Berufseinstiegs musste ich mir jeweils mühsam erobern und fühlte mich ohne vertrauten Freundeskreis nur allzuoft einsam. Freundschaften sind an der Entfernung zerbrochen und mehr als einmal musste ich beruflich und persönlich ganz von vorne beginnen. Ich bin nicht der Typ, der Veränderungen mag. Ich bin ein Sicherheitsmensch und halte mich gerne an dem fest, was sich als erprobt und bewährt erwiesen hat. Selbst wenn die Umstände besser sein könnten, bleibe ich lieber bei dem, was ich habe, anstatt ein Risiko einzugehen und unbekanntes Terrain erobern zu müssen.

Dennoch oder gerade deshalb hat es mir viel gebracht zu gehen. Ich habe mich aus dem Gefühl heraus, dass es für mich wichtig sein könnte, oft dazu gezwungen. Es fiel mir schwerer als anderen, aber ich musste gehen. Mir sind inzwischen kleine aber zähe Flügel gewachsen. Ich bin jetzt ein freierer und mutigerer Mensch als ich es noch vor 20 Jahren war. Die beruflichen und örtlichen Wechsel haben mir gezeigt, dass ich es kann und Veränderungen etwas Gutes mit mir machen. Rückblickend betrachtet wäre ich nicht glücklich geworden an ein und demselben Ort, ich hätte es irgendwann nur noch einengend und bedrückend empfunden und ich hätte all die Menschen nicht kennen gelernt, die ich jetzt zu meinem Freundeskreis zähle. Ich hätte auch meinen großartigen Mann nicht kennen gelernt und ich hätte viele Dinge ganz sicher nicht getan, auf die ich jetzt stolz bin. Ich habe mich verändert und ein längerer Besuch in meinem Geburtsort schnürt mir regelmäßig die Luft ab und bestätigt mir, dass er für mich niemals hätte alles sein können. Unsere Wahlheimat ist größer, schöner, anders, freier und abwechslungsreicher. Eine Rückkehr in den Ort meiner Kindheit ist für mich ausgeschlossen.

Ich denke, wir werden hier alt werden. Es tut uns natürlich gut, morgens auf dem Weg zur Schule Eltern und Kindern zu begegnen, die wir schon aus der KiTa-Zeit der Maus kennen. Aber – und das ist für mich das entscheidende – es sind Menschen, die wir uns irgendwie ausgesucht haben. Es ist der Ort, den wir uns ausgesucht haben, den wir selbst als Heimat gewählt haben, der uns gefällt, der uns gut tut und den wir mit unseren Erfahrungen im Gepäck als Freisein empfinden.

Ich freue mich, meinen Kindern diesen wunderbaren Ort als „zu Hause“ mitgeben zu können. Vielleicht werden sie irgendwann auch weg wollen, etwas anderes sehen und etwas anderes erleben wollen. Das ist okay. Vielleicht kehren sie später dann wieder zurück, vielleicht auch nicht. Ich kann das verstehen.

Ein Kommentar zu „Wo lebst Du und wie lange schon?

  1. Das ist ein wunderbarer Beitrag und in allen Facetten nachvollziehbar. Ich freu mich sehr darüber, diese/deine Ansicht des Themas kennenzulernen. Du greifst ganz andere Schwerpunkte auf als ich es getan habe. Klasse. Vielen Dank und liebe Grüße von Anna

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