Ich erziehe meine Kinder nicht, ich lebe mit ihnen

So oder ähnlich lassen sich die Aussagen von Jesper Juul in Bezug auf das Leben mit Kindern zusammenfassen.

Ich mag die entspannte Art des dänischen Familientherapeuten, mit der er alle Fragen rund ums Elternsein beantwortet. Einmal habe ich ihn in einer Veranstaltung live erlebt und ansonsten habe ich seine Bücher verschlungen (da fällt mir ein, ich sollte unbedingt  eines davon in meine Lesetipps aufnehmen). So manchen inneren K(r)ampf um den pädagogisch sinnvollen, konsequenten, Grenzen setzenden oder kurz gesagt richtigen Umgang mit meinen Kindern habe ich Dank seiner überzeugenden und klugen Ansichten aufgeben können.

Die Grundaussage all seiner Bücher ist für mich, dass man eine individuelle Beziehung zu seinen Kindern hat, dass man darin authentisch und verantwortlich agieren muss und dass man die Integrität seiner Kinder nicht verletzen darf. Für die Pädagogik sind hingegen die Kitas und die Schulen zuständig. Und eine weitere Schlüsselerkenntnis war für mich sein Satz, dass Kinder viel mehr Aufmerksamkeit einfordern als sie wirklich brauchen.

Mich haben die Grundsätze von Jesper Juul (sehr schön auch anhand konkreter Alltagsbeispiele nachzulesen in „Vier Werte, die Kinder ein Leben lang tragen„) sehr entlastet als die Maus auf der Welt war und ich mich auf einmal nur noch fremdbestimmt und in einer Rolle fühlte. Eltern sind keine Betreuer und Unterhalter, zu Hause findet das wirkliche Leben statt. Ich muss als Mama nicht immer korrekt, nicht immer konsequent und schon gar nicht immer gleichbleibend geduldig sein. Ich darf ehrlich sein, auch mal (verbal) sauer werden und nach kreativen Lösungen für verfahrene Situationen suchen, solange ich dies altersgerecht und respektvoll tue. Kinder verstehen das und Kinder suchen diese authentische Beziehung zu ihren Eltern auch.

Natürlich vergesse ich das alles im turbulenten und manchmal auch zu hastigen Alltag oft und spüre mich dann selbst nicht mehr. Ich versuche in solchen Kräfte zehrenden Situationen eine freundliche Mamafassade aufrecht zu erhalten, tue dann manches, weil man das so macht und verliere dadurch ganz schnell den Zugang zu meinen Kindern. Zum Glück erinnere ich mich dann an Jesper Juuls Aussagen und versuche wieder mehr ich selbst zu sein. Ich erkläre meiner Maus, warum ich gerade so „blöd“ reagiert habe oder sage dem Mäuserich auch mal offen, dass ich mich da jetzt ganz “ dolle“ geirrt habe. Ich kämpfe auch keine Kämpfe mehr, die mir nicht wirklich wichtig sind, denn mit jedem Streit um die (in meinen Augen ) richtige Hose und die (für mich) vernünftige Art und Weise sein Brötchen zu essen, katapultiere ich mich wieder in dieses „Theaterstück des Mamaseins“. Ich lasse meine Kinder deshalb auf Wunsch barfuß aus dem Haus gehen (ja auch im Winter) und ziehe die Schuhe dann eben vor der Haustür an. Ich lasse wilde Experimente mit Brötchen (wahlweise Brot, Butter oder Marmelade) am Esstisch zu und lebe statt dessen vor, was Tischmarnieren sind. Ich habe feste Zubettgehrituale, lasse aber auch mal zu, dass das Zähneputzen „vergessen“ und die „Draußenhose“ zur Schlafhose wird, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich kann den Alltag mit meinen Kindern letztlich nur schaffen, wenn ich kein Stück spiele sondern ich selbst bleibe und das darf ich auch. Das ist sogar gut und richtig so, wie Jesper Juuls Bücher und Ansichten mir immer wieder aufs Neue zeigen.

Und weil auch ich vieles noch einmal nachlesen werde, hier auch für Euch noch mehr Lesetipps zu Jesper Juul:

  • Nein aus Liebe: Klare Eltern – starke Kinder
  • Die kompetente Familie: Neue Wege in der Erziehung
  • Dein kompetentes Kind: Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie

4 Kommentare zu „Ich erziehe meine Kinder nicht, ich lebe mit ihnen

  1. Theaterstück des Mamaseins –
    ja, das ist sehr treffend geschrieben. Ich fühlte mich heute auch wie in einer (schlechten) Theateraufführung. Wenn ich die Mama sein will und alles pädagogisch richtig machen will, dann kann es mir auch passieren, dass es voll daneben geht – weil Kinder bei Mamas nicht immer auf Pädagogik ansprechen (ich weiß wovon ich spreche: als Erzieherin und Nanny habe ich sehr viele Kinder betreut und da sind meine Methoden nicht so getestet worden wie von meiner Tochter).
    Da bringt mich deine Überschrift schon irgendwie zum Nachdenken!

    LG
    Petra

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  2. Vielem kann ich in Deinem Beitrag zustimmen und sehe es (mittlerweile) ähnlich.

    Herausstellen sollte man den Punkt, dass man gegenüber seinen Kindern zugibt, wenn man sich geirrt hat. Auch sich entschuldigt, wenn man mal genervt/ungerecht/sauer war und eine Entscheidung traf, die man im Nachhinein bereut. Problematisch ist nicht, dass das passiert – wir sind auch als Eltern in erster Linie nur Menschen, die Fehler machen und Lernen. Sondern problematisch ist es, wenn man die Einstellung vor sich her trägt, dass man Fehler gegenüber seinen Kindern nicht zugeben darf, weil …

    Auch beim Essen bin ich mittlerweile vollkommen tiefenentspannt. Wenn sie ihre Wurst auf dem Keks essen will – bitteschön. Wer bin ich, ihr zu erklären, dass das nicht schmeckt? ☺ Das darf sie gern selbst herausfinden. Und wenn es ihr schmecken sollte – ich muss meine Wurst ja nicht so essen. Was sie nicht darf ist Essen absichtlich auf den Boden werfen um zu schauen, was passiert. Aber kreativem Essen gegenüber bin ich grundsätzlich mehr und mehr aufgeschlossen. Manchmal mach ich sogar mit und schau mir auf die Weise ihre Welt mit an. Macht spaß!

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  3. Danke für den schönen Beitrag! Ich habe Juul erst kürzlich, in einer „schlechten Mama-Phase“ entdeckt und bei mir hat sich das gleiche entspannende Gefühl eingestellt, was du beschreibst! Einfach Ich selbst und damit authentisch sein und nicht immer funktionieren müssen.
    Seine Worte befreien ungemein und er wirkt einfach nicht belehrend… eher schafft er AHA-Momente. Ich möchte mir gern ein zwei Bücher zu Gemüte führen… Hoffentlich bald mal 😉 LG Nadja

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  4. Der Mann ist einfach Goldwert und ebenso seine Bücher. Ich bin leider sehr spät auf ihn aufmerksam geworden. Als beide Töchter im P-Alter waren bzw. damit anfingen. Er hat mir Nerven, Diskussionen und Konflikte erspart und geholfen in der ganzen Zeit ein entspanntes Verhältnis zu meinen Mädchen zu bewahren. „Pubertät – wenn Erziehung nicht mehr geht!“ … im nächsten Leben lese ich es früher oder fang vor der Geburt an! 😉

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