Work-Life-Balance und das deutsche Mutterbild

Ich war heute bei einer Fortbildung. Das Thema: „Work-Life-Balance“.

Mir erschien es jetzt in der dritten Schwangerschaft durchaus richtig, einmal zu reflektieren, wie ich mir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch mit einem dritten Kind und auf meinem weiteren beruflichen Weg nach der Elternzeit so vorstellen könnte. Ist Euch eigentlich schon aufgefallen, dass dieses Thema vorrangig immer noch ein Frauenthema ist? Ich werde mal meinen Mann dazu interviewen und ihn fragen, wie er das Thema Vereinbarkeit für sich bewertet und löst. Das wird ganz sicher einer der nächsten Posts hier werden.

Jetzt aber erst einmal zurück zur heutigen Fortbildung:

Ich fürchte, der Kurs bringt mir keine neuen Erkenntnisse. Mit mir waren noch 9 weitere Frauen und ein Mann dabei. Bis auf zwei Frauen, die wie ich vollzeitnah arbeiten, waren alle Frauen mit weitaus weniger als 30 Wochenstunden beschäftigt. Ich fühlte mich zunächst mit meiner Biographie (zwei Kinder, nebenberufliche Promotion, auch mit zwei Kindern einige Zeit Vollzeit gearbeitet) etwas deplaziert, denn es ging vorrangig um solche Themen wie z.B. wie lege ich meinen mütterlichen Perfektionismus ab und lasse auch mal meinen Mann ans Kind, wie schaffe ich es mit 20 Wochenstunden mein schlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber abzulegen und wie nehme ich mir mehr Zeit für mich, ohne mich als Rabenmutter zu fühlen.

Okay, der letzte Punkt war wieder etwas interessanter, allerdings sehe ich bei 20 Wochenstunden und Großelternbetreuung nicht so das Problem, mal alleine zu sein. Mir wurde beim Austausch auch deutlich, wie gut ich es mit meinem Mann habe, denn ich denke nie darüber nach, ob er die Kinder morgens auch richtig anzieht oder daran denkt, sie rechtzeitig zur Kita zu bringen, während ich schon seit 6.00 Uhr morgens auf der Dienstreise im Zug sitze. Ich weiß, dass er seine Sache gut macht und rufe auch nur in seltenen Ausnahmefällen von unterwegs an und dann auch nur deshalb, weil ich einfach mal seine Stimme hören möchte. Ich stieß auch auf Unverständnis als ich berichtete, dass ich trotz der Schwangerschaft schon überlege, was ich als nächstes nebenberufliches Projekt angehen möchte, ob es ein Zusatzstudium wird oder etwas anderes. Natürlich steht mein Zeitplan für die nächsten Monate fest, aber das (berufliche) Leben geht doch auch danach weiter.

Interessant wurde es dann noch einmal als es um persönliche Werte ging. Allerdings war mir schon klar, dass mein Dauerthema die Frage nach der Selbstbestimmung trotz Beruf und Familie ist und dass ich eben nicht zu den Müttern gehöre, die gerne backen oder Kostüme für die Kitaaufführung nähen. Ich werde wohl eher die Mutter bleiben, die einen gewissen beruflichen Ehrgeiz hat und das mit der eben auch vorhandenen fürsorglichen Seite irgendwie vereinbaren muss. Die entscheidende Frage für mich ist dabei nur, gestatte ich mir selbst, so zu sein… Die Erkenntnis, dass ich auch Freude am beruflichen Weiterkommen haben darf und deshalb keine schlechtere Mutter bin als andere, hat mir jedoch nicht der Kurs sondern ein Buch beschert, das deshalb auch in meine Lesetipps aufgenommen wird: „Die deutsche Mutter“ von Barbara Vinken.

Ich gebe zu, ich habe nicht alles gelesen und auch nicht alles verstanden. Es ist sehr wissenschaftlich und ohne die entsprechende Vorbildung in dem Bereich oft auch schwer verständlich geschrieben. Ich habe manche Passagen daher großzügig übersprungen, aber von der Lesbarkeit kann man zum Glück nicht auf die Qualität des Buches schließen, denn es ist wahnsinnig interessant und beleuchtet, warum in der Bundesrepublik bis heute noch grundlegend davon ausgegangen wird, dass die natürliche Berufung der Frau in ihrer Mutterrolle liege und eine Frau daher, sobald sie ein Kind bekommt, lieber zu Hause bleiben wolle und solle. Die deutsche Familienpolitik ging lange, lange Zeit von dem vorherrschenden Bild aus, dass Mütter nur dann berufstätig sind, wenn sie das bedauernswerter Weise aus finanziellen Gründen müssen oder wenn sie die Arbeit allenfalls als Mittel zur Abwechslung betreiben. Ansonsten üben nach dieser veralteten Ansicht nur kinderlose, emotional versteinerte Frauen einen Beruf aus, denen die Selbstverwirklichung über alles geht. Die Frauen selbst fügten sich lange Zeit in dieses Bild, indem sie ganz selbstverständlich nach der Geburt eines Kindes keiner ernstzunehmenden Berufstätigkeit mehr nachgingen. Zum Wohle des Kindes, versteht sich. Und es war lange, lange Zeit auch gesellschaftlicher Konsens, dass eine Kinderbetreuung außerhalb der mütterlichen Obhut nur schlecht fürs Kind sein konnte, nur als Notlösung zu betrachten ist (z.B. bei Alleinerziehenden) und keinerlei positive Aspekte damit verband. Diese überholten Sichtweisen haben bestürzenderweise auch heute noch ihren Einfluss in der Politik und in der Gesellschaft.

Ich fand das Buch für mich vor allem an den Stellen erhellend, an denen es um den Vergleich der deutschen Frauen- und Mutterrolle mit dem Frauenbild anderer europäischer Staaten ging. Denn solch eine Frauenbild wie in der Bundesrepublik, gab und gibt es woanders nicht. Vor allem in den skandinavischen Ländern wird davon ausgegangen, dass Kinder in das eigene Leben integriert werden können und das bisherige Leben nicht für die Kinder aufgegeben werden muss. Die Familienpolitik geht in diesen Ländern von der Grundannahme aus, dass die außerhäusige Kinderbetreuung positive Aspekte hat und die Kinder davon profitieren. Sie geht weiterhin davon aus, dass eine Frau ihre Interessen und Fähigkeiten nicht verliert, sobald sie Mutter wird und es zum Wohle des Kindes auch nicht nötig ist, das zu tun. Frauen dürfen auch als Mütter weiterhin berufstätig sein wollen und müssen schon gar nicht ihre Identität allein an der Mutterrolle festmachen.

Ich habe beim Lesen des Buches festgestellt, dass mich diese Sichtweise sehr entlastet hat, denn ich bin zugegebener Maßen nicht ganz frei von der Anschauung, dass meine Kinder mich rund um die Uhr brauchen. Irgendwie steckt dieser Stachel auch in mir und macht meiner durchaus vorhandenen fürsorglichen Seite immer mal wieder zu schaffen. Mein Glück ist und war nur, dass ich auch die ganz andere Sichtweise erlebt habe, dass ich mit einer berufstätigen Mutter aufgewachsen bin und in einem Umfeld, dass diese Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ganz selbstverständlich förderte. Ich habe Freunde in Schweden, die das ebenfalls vorleben und deren Kinder keinen unglücklichen Eindruck machen und nicht psychisch krank zu werden scheinen, wie die Generationen vor ihnen im Übrigen auch nicht.

Ich habe meine Qualifikationen und meine Liebe zum Beruf schließlich nicht an der Kreissaaltür abgegeben und ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der ich genau das tun müsste, um als gute Mutter zu gelten. Natürlich liebe ich meine Kinder und will, dass sie mit der Liebe und Geborgenheit aufwachsen, die sie brauchen, um glückliche, zufriedene und unabhängige Menschen zu werden. Die Frage ist nur, ob ich dafür nicht mehr ich sein darf, ob ich nach dem gesellschaftlichen Willen ein Klischee erfüllen muss, das mir als Mensch nicht entspricht. Natürlich wird man nicht umhin kommen, sich zu überlegen, wo die persönlichen Prioritäten und Wertvorstellungen liegen und wie man in seiner Familie ganz individuell mit der Vereinbarkeitsfrage umgeht. Ich verstehe auch jede Frau, die als Mutter eine gewisse Zeit zu Hause bleiben möchte und sich nicht vorstellen kann, seine Kinder generell oder zu lange in andere Hände zu geben. Ich kann jedoch überhaupt nicht damit leben, wenn mir jemand meine Mutterqualitäten absprechen will, sobald ich meine Kinder in der KiTa abgebe und ins Büro will.

Daher denke ich auch, unsere Familienpolitik geht in die richtige Richtung, wenn sie berücksichtigt, dass Mütter auch berufstätige, unabhängige Frauen sind, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen müssen und sich dort auch ein Leben außerhalb der Familie schaffen wollen. Ich denke daher positiv über den Ausbau der Betreuungsplätze, über das einkommensabhängige Elterngeld und über die Pläne zum Elterngeld plus etc. Die Familienpolitik könnte für meinen Geschmack noch viel weiter gehen, denn in vielen Bereichen wird noch viel zu selbstverständlich von der Alleinverdienerehe als das übliche Familienmodell ausgegangen. Solange das so ist, wird es auch in der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz nicht ankommen, dass jede Frau auf ihre Weise eine gute Mutter ist und nicht nur in der Familie ihre Berufung findet.

Zum Weiterlesen und Vertiefen dieser Fragen empfehle ich: „Die deutsche Mutter“ von Barbara Vinken.

Ein Kommentar zu „Work-Life-Balance und das deutsche Mutterbild

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