Ein Besuch bei der Uroma

© Dmitry Naumov - Fotolia.com
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Wir wollen meine Oma besuchen. Sie ist die Uroma meiner Kinder, lässt sich aber auch von Ihnen nur Oma nennen. Ich liebe meine Oma, keine Frage, aber sie lebt in Sachen Umgang mit Kindern – ganz ehrlich – hinter dem Mond. Sie verhält sich dermaßen altmodisch dabei, dass ich mich manchmal frage, wie sie ihre Tochter (meine Mutter) jemals ohne größere psychische Schäden aufziehen konnte. Sie lacht über meinen Mäuserich, obwohl er gar nicht komisch sein will, einfach weil es so niedlich ist, wie er etwas sagt oder tut. Sie schmollt mit meiner Maus: „Nun gib mir auch ein Küsschen, sonst denkt die Oma, Du magst sie gar nicht.“ oder versucht sich Liebesbezeugungen zu erkaufen:“ Wenn ich ein Küsschen bekomme, dann bekommst Du auch ein Geschenk.“ Sie macht beiden ein schlechtes Gewissen: „Da hat die Uroma so gut gekocht und ihr esst es nicht. Da mag ich dann gar nicht mehr für Euch kochen.“ Und wird auch schon mal grantig, wenn die Höflichkeitsregeln noch nicht hinreichend verinnerlicht wurden: „Jetzt sag auch schön Danke, sonst denkt die Oma, Du hast sie nicht lieb und will Dir dann auch nichts mehr schenken.“ Sie hat ihre Finger sehr oft auf dem Teller der Mäuse und schiebt ungefragt zwei Kartoffeln dazu oder nimmt ein Stück Kuchen wieder weg. Sie will von den Mäusen gemocht werden, ich weiß das, aber sie verletzt dabei ganz oft die Integrität ihres Gegenübers.

Ich mag solch ein Verhalten und solch manipulierenden Äußerungen nicht, denn sie suggerieren meinen Kindern, dass sie gehorchen müssten und keine eigene Meinung haben sollten. Ich werde jedes Mal ganz direkt, wenn ich so etwas höre und weise meine Oma darauf hin, dass hier keiner Küsschen geben muss, wenn er das nicht mag. Ich lebe meinen Kindern natürlich vor, höflich zu sein und „Bitte“ und „Danke“ zu sagen, sofern sie das im jeweiligen Alter schon verstehen können. Aber sie müssen weder etwas essen, was sie nicht mögen, noch jemandem zum Gefallen Küsschen verteilen und schon gar nicht für Geschenke alles tun. Und vor allem lache ich sie nicht aus, wenn sie ungewollt komisch sind, so schwer es mir manchmal auch fällt.

Ich habe es mit meiner Oma nicht anders erlebt, bin aber inzwischen fast 40 Jahre alt und kann damit umgehen. Ich kann ihr meine Grenzen zeigen und sie deutlich bitten, manches nicht zu tun. Aber können das auch meine Mäuse schon? Meine Maus fragte neulich auf dem Heimweg irritiert: „Warum lacht die Oma immer so komisch?“ und beim Abschied wollte sie sich trotz aller Vorfreude auf den Besuch nicht mal mehr mit einer Umarmung von der Oma verabschieden. Ich gebe meiner Maus recht, wenn sie das Lachen der Oma verletzend findet und ich erkläre auch, dass ein Küsschen nur dann zur Begrüßung gehört, wenn es von der Maus auch erwünscht ist. Der Mäuserich ist da noch recht unbefangen, aber auch er wird sich bald fragen, warum die Oma ungefragt so viel auf seinem Teller hantiert. Und wenn meine Kinder nicht darüber reden, kann ich manche Äußerung der Oma gar nicht erst erklären oder zurecht rücken.

Dann kann ich in erster Linie nur darauf vertrauen, dass wir ihnen mit unserem Verhalten vorleben, dass sie ihre Integrität schützen dürfen. Erleichtert habe ich neulich gehört, wie meine Maus deutlich wurde: „Oma, jeder bleibt auf seinem Teller!“.

In allen anderen Dingen, hoffe ich natürlich, dass sie ihre Uroma noch lange genießen können und sich an das Vorlesen, das Stricken von Puppensachen und die gemeinsamen Ausflüge erinnern; dass sie sich auf Uromas Garten mit all seinen Früchten, Katzen und schattigen Plätzchen unterm Apfelbaum genauso freuen wie ich in meiner Kindheit; dass sie die Liebe und den Zusammenhalt in der Familie spüren und dass sie noch einiges aus dem einzigartigen und prallen Leben von meiner Oma selbst erfahren können.

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